Die bagatellisierte Diskriminierung

Es gibt keinen Grund, weswegen man sich für seine Nicht-Impfung rechtfertigen müsste — es doch zu verlangen, ist übergriffig.

von Roberto J. De Lapuente

Foto: Billion Photos/Shutterstock.com

Diskriminierung ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Semantisch wurde dieser Begriff ausgehöhlt und durcheinandergewirbelt. Bedurfte es früher noch handfester, klar messbarer Merkmale, anhand derer man eine reale Diskriminierung ausmachen konnte, reicht heute zuweilen schlicht das Gefühl aus. Häufig ist das vage Gefühl der Benachteiligung bei der schillernden Gruppierung der „Woken“ anzutreffen. Niemand ist noch davor gefeit, über halsbrecherische Argumentationsketten als Täter ausgewiesen zu werden oder als Relikt aus einer rassistisch-kolonialistischen Zeit. Ob der „Täter“ diese Diskriminierung überhaupt beabsichtigte, gilt als irrelevant. Ganz im Gegensatz zu dieser verbreiteten Praxis müssen sich dieser Tage nun Menschen, die wirklich diskriminiert werden, anhören, sie sollten sich nicht so anstellen. Dass man aufgrund von Entscheidungen, die man eigenverantwortlich für seinen eigenen Körper getroffen hat, von weiten Teilen der Gesellschaft ausgeschlossen wird, gilt vielen nicht als Diskriminierung. Häufig kommt diese Bagatellisierung der himmelschreienden 3G/2G-Segregation ausgerechnet von denen, die sich schon wegen eines falschen Blickes oder Wortes als geschundene Opfer inszenieren und die Twitter-Tweets heiß laufen lassen. Eine beängstigende Entwicklung nimmt ihren Lauf, die selbst Hartgesottenen ein mulmiges Bauchgefühl bereitet.

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