Die große KI-Täuschung: Warum alternative Journalisten vor einer digitalen Wahrheitsdiktatur warnen ( Webb, Corbett, Knightly und mehr)

Die große KI-Debatte im unabhängigen Journalismus: Zwischen Effizienz, Ethik und digitalem Exil

Ein IMA-Panel mit Corbett, Webb, Webb, The Last American Vagabond und mehr

Die Aufregung ist greifbar, die Argumente sind leidenschaftlich, und die Fronten sind längst nicht so klar, wie sie scheinen. Das Independent Media Alliance (IMA) Panel, das unter dem Titel „AI Sloppy Copy Debate“ zusammenkam, bot ein seltenes Schauspiel: Hier diskutierten keine Technologie-Utopisten gegen Dystopiker, sondern eine Riege der erfahrensten und angesehensten Stimmen der alternativen Medien – darunter James Corbett, Whitney Webb, Ryan Cristian und Steve Hennen – über die Frage, die die Content-Produktion 2026 bestimmt: Darf KI in die kreative Werkstatt? Und wenn ja, wie tief?

Die Diskussion, moderiert von James Corbett und Hakee (Geopolitics & Empire), offenbarte ein breites Spektrum an Haltungen – von der kompromisslosen Ablehnung über die pragmatische Nutzung als Recherchewerkzeug bis hin zur strategischen Anwendung im Kampf gegen Copyright-Trolle. Eines wurde schnell klar: „KI“ ist nicht gleich „KI“. Der eigentliche Konflikt entzündet sich an der Frage, wo die Grenze zwischen Werkzeug und Ersatz, zwischen Unterstützung und Selbstaufgabe verläuft.

„Ein offensichtlicherer Schlag gegen die Menschheit“: Steve Hennens Fundamentalkritik

Den Auftakt machte Steve Hennen von „AM Wake Up“, und seine Position ließ keinen Raum für Graustufen. Für ihn ist die Nutzung generativer KI in der Inhaltserstellung ein Frevel, der tief in die Grundfesten der menschlichen Autonomie eingreift.

Steve Hennen: „Ich habe noch nie eine offensichtlichere Bedrohung für die Menschheit, für das Naturgesetz, für unsere grundlegenden Rechte gesehen, als das, was uns mit der sehr offensichtlichen digitalen Gefängnisinfrastruktur, die um uns herum gebaut wird, bevorsteht.“

Hennen zeichnet das Bild eines drohenden digitalen Totalitarismus, dem viele – bildlich gesprochen – mit „einer riesigen Sandgrube in den Händen“ (dem Smartphone) entgegenlaufen. Seine Lösung ist radikal einfach und zugleich schwer umsetzbar: kollektiver Nicht-Gehorsam.

Steve Hennen: „Wenn die abscheulichsten, boshaftesten, schleichendsten Kreaturen des Planeten sich vereinen können, um dieses Ding zu bauen, dann könnten vielleicht die Milliarden von uns, die nicht sie sind, erkennen, dass es mehr von uns gibt als von ihnen… und dass es relativ vorteilhaft für uns alle wäre, wenn wir uns entscheiden würden, dem einfach ein Ende zu setzen, indem wir Nein sagen und nicht mitspielen.“

Für Hennen ist die Nutzung von KI zur Content-Produktion kein Kavaliersdelikt, sondern eine aktive Mithilfe am Bau des eigenen Gefängnisses. Er selbst ist „Anti in fast allen Anwendungsfällen“.

Der schmale Grat: Ryan Cristian zwischen Widerstand und Pragmatismus

Ryan Cristian, bekannt von „The Last American Vagabond“, fand sich in einer Zwickmühle wieder, die viele im Publikum nachvollziehen konnten. Er teilt Hennens tiefes Misstrauen, sieht sich aber gleichzeitig mit der realen Welt des juristischen Drucks konfrontiert, die ihn zu ungewöhnlichen Kompromissen zwingt.

Ryan Cristian: „Ich laufe auf diesem schmalen Grat. Ich bin sehr, sehr, sehr widerständig, wahrscheinlich so sehr wie jeder andere hier. Gleichzeitig… gibt es diese Idee, ein KI-Bild zu verwenden… um den Copyright-Angriffen zu entgehen. Ist das Heuchelei? Ist es falsch, das zu nutzen?“

Cristian leidet unter einer Flut von Klagen wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen. KI-generierte Bilder erscheinen ihm daher als möglicher Ausweg – ein Werkzeug, um das „Master’s House“ nicht mit dessen eigenen Waffen zu zerstören, sondern es geschickt zu umgehen. Dennoch zieht er eine klare rote Linie.

Ryan Cristian: „Die Linie, die ich nie überschreiten werde, ist, es zu nutzen, um mir Inhalte zu erstellen. Schreib mir etwas oder mach mir ein Video. Es gibt Leute, die denken, das sei in Ordnung, weil es ja ihre Idee sei… Da stimme ich nicht zu.“

Seine ambivalente Haltung bringt ein zentrales Dilemma der Debatte auf den Punkt: Kann man die Werkzeuge des Feindes nutzen, ohne sein Werkzeug zu werden?

Der Vordenker der digitalen Infrastruktur: Hakees datengestützte Warnung

Hakee (Geopolitics & Empire) brachte eine weitere, entscheidende Ebene ein: die massive materielle Realität hinter den KI-Wolken. Seine Arbeit an einer interaktiven Karte von über 4.500 Rechenzentren in den USA offenbart die Dimension des Projekts.

Hakee: „Ich habe diese Karte in ein paar Wochen gebaut, was mich wahrscheinlich ein halbes Jahr gekostet hätte. Aber… scheiß auf Rechenzentren, dafür ist nie genug Zeit. Ich habe bereits 400 weitere Hyperscaler gefunden, seit ich diesen Bericht das letzte Mal veröffentlicht habe.“

Hakee nutzt KI durchaus für bestimmte Aufgaben, sieht darin aber eine „Catch-22“-Situation. Man sei verdammt, wenn man sie nutze (weil die eigenen Fähigkeiten verkümmern), und verdammt, wenn man es nicht tue (weil man den Anschluss verliert). Seine größte Sorge gilt jedoch den Ressourcen.

Hakee: „Indem du diese Dinge nutzt, rechtfertigst du die Existenz dieser Rechenzentren und verdammst uns vielleicht alle. Ein einziger Prompt kann 17 Gallonen Wasser verbrauchen.“

Er prognostiziert einen nahenden „totalen digitalen Krieg“, in dem der Zugang zu KI stark reglementiert und an digitale Identitäten geknüpft wird. „Wenn du KI nutzt, dann nutze sie, so lange es geht. Sie wird nicht für immer da sein.“

Die Meisterin der Desinformation: Whitney Webb über die KI-gestützte Realitätsauflösung

Whitney Webb, bekannt für ihre tiefgründigen Recherchen, erlebt die dunkle Seite der KI am eigenen Leib. Sie ist eines der am häufigsten von KI-Doppelgängern imitierten Gesichter im alternativen Medienbereich – ein Phänomen, das sie als gezielte Attacke auf ihre Glaubwürdigkeit versteht.

Whitney Webb: „Es ist nicht nur ärgerlich. Es ist Verleumdung auf einem anderen Niveau… Es gibt Kanäle, die KI-Digital-Zwillinge von mir nutzen, die Skripte lesen, die ich nicht geschrieben habe. Die Jahre harter Arbeit und Glaubwürdigkeit werden einfach zunichte gemacht.“

Für Webb geht es nicht um Effizienz, sondern um eine weltanschauliche Frage. Sie vergleicht die Technologiekonzerne hinter der KI mit „Massenmördern“, die ihre Waffen – wie Palantir und Claude von Anthropic – auch einsetzen, um Mädchen-Schulen in Iran zu bombardieren.

Whitney Webb: „Kann man das Haus des Meisters mit den Werkzeugen des Meisters zerstören? Ich glaube nicht. Ich will mein Werk nicht mit demselben Werkzeug beschleunigen, mit dem der Mann Kinder ermordet. Nein, danke.“

Webb plädiert für das Entziehen von Daten als wirksamste Waffe: „Das Mächtigste, was du tun kannst, ist, dein Smartphone wegzuwerfen.“ Und für den Fall, dass die digitale Welt komplett kollabiert, bereitet sie sich vor: „Wir arbeiten an einem Print-Magazin. Es wird eine Zeit geben, in der wir vielleicht einen Teil unseres Internetzugangs verlieren müssen, wenn wir nicht zustimmen.“

Die Suche nach Authentizität: James Corbett und das Dilemma der Werkzeuge

James Corbett, der Gastgeber, positionierte sich ebenfalls klar gegen die Nutzung von KI für kreative Inhalte. „Ich werde niemals KI zum Schreiben meiner Sachen nutzen. Das ist meine absolute rote Linie.“ Doch auch er räumt ein, dass die Grenzen fließend sind: Maschinelle Transkriptionen, Farb- oder Auflösungsverbesserungen von altem Filmmaterial – all das sind Techniken, die irgendwo zwischen manueller Arbeit und KI-Kollaboration angesiedelt sind. Sein Videoredakteur Brock West brachte das Paradoxon auf den Punkt: „Es ist ein sehr rutschiger Abhang. Was vor 18 Monaten noch undenkbar war, ist heute Alltag.“

Corbett warnte eindringlich vor der „Verschlimmbesserung“ (enshittification) der KI, einem bekannten Muster: Zuerst ist das Tool kostenlos und großartig, dann wird es schlechter und teurer.

James Corbett: „Die riesige Karotte wird gerade vor jedermanns Nase baumeln lassen. Es ist so einfach, so erstaunlich, völlig kostenlos und funktioniert genau so, wie man es will. Wir wissen, wohin das führt.“

Seine abschließende Anekdote war die vielleicht bedrückendste des Abends: Ein Zuschauer behauptete via KI-Chat, Corbett sei „kontrollierte Opposition“, weil er (laut KI) Materialist sei – was Corbett nie war. „Wie kann ich dagegen argumentieren?“, fragt Corbett. Die Erkenntnis: Die KI ersetzt nicht nur das Denken, sondern zementiert auch diejenigen, die ohnehin nicht bereit waren, selbst nachzuschauen.

Die Stimmen aus der Runde: Zwischen Resignation und kreativem Trotz

Die übrigen Panelisten fügten dem Bild weitere, wichtige Nuancen hinzu:

  • Kit Knightly (OffGuardian) relativierte die Möglichkeit eines kompletten KI-Boykotts: „Selbst wenn du es nicht selbst tust, wenn du dich auf Stock-Image-Websites anmeldest, wird ein Großteil der Bilder, die du herunterlädst, ohnehin KI-generiert sein.“ Er sieht die eigentliche Gefahr weniger im Tool selbst als in seiner Nutzung als „Täuschungsinstrument“.
  • Havorey (Geopolitics & Empire) warnte vor dem Verlust der eigenen Fähigkeiten. „Wenn du einmal anfängst, KI zu nutzen, verlierst du schnell den Überblick über deine eigenen Fähigkeiten, weil es so viel einfacher wird.“ Er nutzt KI ausschließlich als „High-End-Suchmaschine“, überprüft aber jeden Schritt, um nicht manipuliert zu werden.
  • Gabriel (Gabe.ros) führte das psychologische Konzept der „Gellman-Apathie“ ein: In den eigenen Fachgebieten erkennen Menschen die Fehler der KI sofort, in anderen Bereichen vertrauen sie ihr blind. „In der Medizin oder Buchhaltung? Da lässt man sie einfach gewähren.“ Dies ist der Nährboden für die ungehinderte KI-Übernahme.

Fazit: Ein Riss, der durch die Alternativmedien geht

Die „AI Sloppy Copy Debate“ des IMA endete, wie sie begonnen hatte: ohne einfache Antworten, dafür mit einem gesteigerten Bewusstsein für die Tiefe des Problems. Die Diskussion offenbarte einen Riss, der nicht nur durch die Gesellschaft, sondern auch durch die unabhängige Medienszene selbst geht.

Auf der einen Seite die Puristen (Hennen, Webb), die jede Form generativer KI als Verrat an der menschlichen Kreativität und als Kollaboration mit einem antihumanen System ablehnen. Auf der anderen Seite die Pragmatiker (Cristian, Hakee, Knightly), die das Werkzeug nicht pauschal verdammen, aber um dessen Fallstricke wissen und versuchen, es mit strengen roten Linien zu bändigen.

Doch alle Panelisten waren sich in einem Punkt einig: Die größte Gefahr ist nicht die Technologie selbst, sondern die Haltung ihr gegenüber. Die unkritische Hingabe an die Maschine, das Auslagern von Recherche, Kreativität und letztlich Denken an einen Algorithmus, der darauf programmiert ist, zu manipulieren, nicht zu informieren.

Wie James Corbett es auf den Punkt brachte: „Es geht um unsere kognitive Souveränität und unsere Fähigkeit, Dinge selbst zu tun.“ Und je mehr Menschen freiwillig von dieser Klippe springen, desto schwerer wird es für diejenigen, die noch auf eigenen Beinen stehen wollen. Das Panel war eindrücklich weniger eine Lösung als vielmehr eine Kampfansage – an die Tech-Konzerne, an die Bequemlichkeit und vor allem an die eigene innere Stimme, die nach der schweren, aber erfüllenden Arbeit der eigenen Kreation verlangt.